Einleitung



Der Pariser Tapetenfabrikant Paul-Marie Balin (1832–1898) gehörte unbestritten zu den herausragenden Herstellern von Stil- und Materialimitationen seiner Zeit. Einen fulminanten Erfolg feierte er auf der Wiener Weltausstellung von 1873, die ihn schlagartig zu einem international gefragten Lieferanten solcher – heute noch verblüffenden – Luxusprodukte machte. Dank fünfzehn zwischen 1866 und 1883 eingereichter Patente gelang es ihm, Papier scheinbar in Seide, Brokatsamt, Leder oder Keramik zu verwandeln und die materielle Illusion damit zu perfektionieren. Durch die technische Weiterentwicklung seiner Spindelpresse (Balancier) erreichte Paul Balin nicht nur eine erheblich größere Präzision des Prägeverfahrens, sondern zugleich eine Rationalisierung der Arbeitsschritte. Die hohe Qualität seiner Tapeten garantierte Balin sowohl durch unermüdliche Experimente und ständige Optimierung der Herstellungsverfahren als auch durch sorgfältigste Auswahl der historischen Vorbilder, die zahlreichen seiner Tapetenmuster als Inspirationsquelle zugrunde lagen. Ebenso konsequent wie in der Verfolgung seiner technisch wie ästhetisch höchsten Ansprüche war Balin auch in seinen an Obsession grenzenden, patentrechtlichen Prozessen gegen seine Konkurrenz, die als »Tapetenaffäre« in die Geschichte eingingen. Dadurch zunehmend in eine Außenseiterrolle der Tapetenzunft gedrängt, führte dies zu seinem wirtschaftlichen Ruin, der möglicherweise seinen Freitod bedingte.

Mit dem Erwerb der Sammlung Bernard Poteau im Jahre 1996 ist es dem Verein Deutsches Tapetenmuseum gelungen, die Bestände an Balin’schen Luxustapeten des Deutschen Tapetenmuseums um 84 Stücke auf 120 Tapetenmuster zu erweitern. Diese wertvollen Bestände bilden eine einzigartige Mustersammlung und bieten einen attraktiven Überblick über die facettenreiche Produktion der Balin’schen Manufaktur.

Ebenso befindet sich im Bestand des Deutschen Tapetenmuseums ein Produktkatalog, der auf etwa einhundert Tafeln Balin’sche Tapetenmuster abbildet. Diese Tafeln wurden von Paul Balin herausgegeben und erschienen im Verlag Charles Claesen in Lüttich. Dieses Produktkatalog ist in vielerlei Hinsicht eine unschätzbare Quelle: Dank der dort enthaltenen Hinweise kann eine eindeutige Zuordnung der Tapetenmuster wie auch das Auffinden ihrer historischen Vorlagen ermöglicht werden.


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